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Meinen lieben Eltern Digitized by Digitized by Google Inhaltsverzeichnis. Salt« Literaturverzeichnis vn— xi I. Rezeption der südfranzösischen Minne durch die nordfran- zösische Ritterschaft 1—9 IL Der Ritter 10—21 HL Die Herrin 22—33 IV. Die Synthese von ritterlicher Liebe und frauenhaft -höfischer Minne 34—49 A. Psychologie 49 1. Entstehung 49—71 Die vollständige Arbeit enthält ferner: 2. Wirkung. B. Regeln und Kasuistik der Minne. C. Wertung. 1. Geistige Auffassung ihres Ursprungs. 2. Der asketische Minnedienst des nordfranzösischen Ritters. 3. Mystische Hingabe. 4. Göttliche Verehrung der Geliebten. Digitized by Digitized by Google Literaturverzeichnis. 1. Behandelte Texte: Th = Thebenroman, hrsg. v. L. Constans in Soc. d. anc. t. 2 Bde. Paris 1890. En =Enea8, hrsg. v. J. Salvebda de Gbave in Bibl. Norm. IV. Halle 1891. Tr = Trojaroman, hrsg. v. L. Constans in Soc. d. anc. t. 4 Bde. Paris 1904—08. Eracle = Eracle, von Walther v. Abbas. In Bibl. fr. du Moyen Age, Bd. I. Hie = Ille und Galeron, von Waltheb v. Abbas. Rom. Bibl. VII. Halle 1891. Tristan = Tristanromane: 1. Thomas, Le Roman de Tristan, hrsg. v. J. Bedieb in Soc. d. anc. t. 2 Bde. Paris 1902—05. 2. Beronl, Le Roman de Tristan, hrsg. v. E. Mubet in Soc. d. anc. t. Paris 1903. Er = Erec = Christian v. Troyes, sämtl. Werke, hrsg. v. W. Foebsteb, 4 Bde. Bd. IH. Halle 1884—99. Cligea = Des. Bd. I. Lancelot 1 Yvain = Dss. Bd. II. Perceval = Ausg. v. Potvin. Flamenca, hrsg. v. P. Meyeb in Bibl. da Moyen Age, 8. Paris 1901. vm 2. Abhandlungen. J. Anglade, Les Troubadours, leurs vies, leurs oeuvres, leur in- fluence. Paris 1908. K. Babtsch, Grundriss der prov. Litt. Elberfeld 1872. — Albrecht von Halberstadt und Ovid im Mittelalter. Quedlin- burg 1861. M. Bobodinb, Les Femmes et l'Amour d'apres les Romans de Cremen de Troyes. Pariser These 1908. 0. Brandl, P. Ovidius Naso, De arte amatoria libri tres. Lpz. 1902. L. Cledat, L'amour courtois au XII 6 et XIII 6 siecles. Revue de phil. fr. et prov. 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Das nordfranzösische Rittertum hatte spezifisch ger- manische Anschauungen. Seine vornehmste Lebensaufgabe waren die prouesse und chevalerie, wobei es vor allem auf Körperkraft und mutvolle Entschlossenheit ankam. Daher ist es nicht rein zufällig, daß die den Helden beigegebenen Epitheta sich meist auf ihre Tapferkeit beziehen, wenn sie auch einem formelhaften Gebrauch zu entsprechen scheinen. Und in allen seinen Taten sollte der Ritter vom Ehrbegriff ge- leitet werden, vom Gedanken an Familie und Vaterland. Sobald wir in das Zeitalter der Kreuzzüge kommen, 1 2 zeigt sich ein Umschwung in der bisherigen Anschauung. Dieser Wandel ist bereits eingehend dargestellt von Edtjabd welches dieser Arbeit als Grundlage gedient hat. Im Gegen- satz zum Norden vertrat man im Süden Frankreichs eine mehr heitere Lebensauffassung, dort fand man weniger Ge- fallen an rauhem Kriegsspiel, vielmehr huldigte man dem Gedanken, daß die Minne die Tugend sei, die alle andern im Gefolge habe. Hier hatten sich die politischen Verhält- nisse in Ruhe entwickelt und schon früh die Bildung der cortezia Eingang gefunden. Aus dieser Erkenntnis hat wohl Ludwig Uhland in seiner „Sängerliebe" sagen können: „Jedenfalls erkannte und erstrebte man zuerst im feineren Hofleben Südfrankreichs diese Bildung als etwas in seiner Art Neues und Wertvolles, und dort zuerst setzte man sie mit Bewußtsein der kirchlichen sowohl wie der ritterlichen Weltanschauung entgegen." *) Seitdem die Minne, dieser neue Zug, der uns die mildere Seite des Rittertums darstellt, aus dem Süden eingeführt war, wandelte sich das Idealbild des Helden. Zwar büßte dieser nichts ein an Kraft und Kühnheit, aber er kämpfte nicht mehr für Geschlecht, Vaterland oder Christentum wie in den Kreuzzügen, seine Taten waren jetzt bestimmt durch die Minne. Sie wurde ihm zu seinem obersten Lebenswert, und damit war eine neue Phase in der Ent- wicklung des Rittertums eingetreten. Es kam eine Gene- ration, deren Ideal es wurde, der Herrin zu dienen, ihre Huld l ) E. Wechssler, Kulturproblem S. 30. Wechsslee in seinem „Kulturproblem des Minnesangs" Kap. VII, In den Thalen der Provence Ist der Minnesang entsprossen, Kind des Frühlings und der Minne, Holder, inniger Genossen. 3 zu gewinnen, für sie zu dulden. Fragen wir uns, was diese höfische Epik gezeitigt hat, so müssen wir es der erhöhten Achtung vor fürstlichen Frauen zuschreiben, die sich ästhetisch und literarisch gebildet zeigten. Die verschiedenen Welt- anschauungen, die kriegerische des Nordens und die friedliche des Südens, haben ihren Ausdruck auch in der Literatur ge- funden. Die Dichtungsart des Nordens war schon zuvor das Epos 1 ) gewesen, denn dort liebte man Abenteuerfahrt und Waffenfehde. Den Provenzalen lag dies fern, sie hörten nicht mit derselben Freude von Kampfestaten, daher vermissen wir die Dichtungsgattung des Epos bei ihnen nahezu ganz. Ihre höfische Lebensart tat sich in der Lyrik kund, dort wurde schon früh der Minnesang mit seiner konventionellen Auf- fassung der Liebe ausgebildet, und „er wurde so sehr die be- herrschende Gattung der Zeit, daß sein Lyrismus auch in die Epik Eingang fand. Als um die Mitte des 12. Jahrhunderts der frz. Minne- und Abenteuerroman in Mode kam, da be- nutzte man die überlieferten Stoffe als passenden Rahmen für Analysen und Erörterungen aus dem individuellen Seelen- leben eines von der Minne erfüllten Bferzens: so im Eneas und Roman de Troie, und in des Thomas Tristan so gut wie in den Romanen des Chretien de Troyes. Die epische Hand- lung und der epische Stil sind hier durchbrochen und durch- setzt durch erotische Monologe und Dialoge, die von den Dichtern und Lesern, wie es scheint, als das eigentlich Wert- volle des Ganzen geschätzt worden sind". 2 ) Während es der Lyrik an der Fülle des Gegenständlichen fehlt, vermag gerade die epische Dichtung durch ihre erzählende Schil- derung das ganze Leben einer Zeit wiederzugeben und kann ') Wilamowitz S. 80: Erzählung war aber auch das Epos, das den Grund aller poetischen Darstellung bildete. ») E. Wechssler S. 111. 4 überdies reiche didaktische Elemente in sich aufnehmen. Daher erklärt sich auch die hohe Beliebtheit des Minne- romans: denn hier konnte der Dichter die Anschauungen und Meinungen der Zeit gestalten, die von seinen Hörern und Hörerinnen mit Beifall aufgenommen wurden. Das Minnelied bringt meist nur stereotype Ereignisse aus dem ideellen Leben des Sängers; im Epos kann der Dichter seiner Phantasie freien Lauf lassen, er kann sagen, wie er fühlt und empfindet: daher auch die Beschreibung und Reflexion in den Epen. Diese eben betonten Eigenschaften und Vorzüge des höfischen Romans, der für fürstliche Frauen geschrieben ist und neben dem Ritter sie zum Gegenstand seiner Darstellung macht, berechtigen uns um so mehr, der Behandlung des Minne- problems in ihm eine nähere Untersuchung zu widmen. *) Es liegt die Vermutung nahe, daß die in ihrem Wesen so grund- verschiedenen Wertbegriffe der ritterlichen Ehre und Tapfer- keit zu Konflikten mit der Minne führen mußten. In den chansons de geste ist ein solcher Gegensatz zwischen Liebe und Ehre ausgeschlossen, da dort die Frauenminne und die Frau überhaupt nur eine untergeordnete Rolle spielen. Lange bleibt das Gefühl für Ritterehre noch lebendig; aber allmählich geht doch die Liebe als Siegerin aus diesem Ringen hervor. Das Rittertum ging schließlich im Frauendienst auf. Diese Entwicklung lassen die ritterlichen Abenteuerromane erkennen, als der poetische Niederschlag dieser Stimmungen. Doch ehe wir von dieser Synthese reden, wollen wir kurz die höfischen Epen nennen, die wir unserer Betrachtung zu Grunde gelegt haben. Die ersten Romane von höfischer Minne und Rittertum haben antike Sagenstoffe zum Gegenstand; es sind der *) E. Wechssler hat in seinem „Kulturproblem" bereits an einigen Stellen auf den höfischen Roman hingewiesen, sich sonst aber stofflich auf die Lyrik beschränkt. Digitized by 5 Theben-, Eneas- und Trojaroman. Am wenigsten mit den neuen Ideen vertraut ist der erste unter ihnen; doch unterscheidet er sich schon wesentlich von den chansons de geste durch das Hervortreten der Frau, als deren einziges Epitheton hier nur die Schönheit gerühmt wird. Dadurch macht sich, trotz des uns noch reichlich entgegenschallenden Schlachtenlärms, in der ganzen Dichtung ein weicherer Zug geltend. Ein höfischer Roman im wahren Sinne des Wortes, wo man deutlich das Bestreben des Dichters erkennt, die Minne in den Vordergrund zu rücken, sie als leitendes Motiv einzuführen, ist der Eneas. Hier zeigt sich zum ersten Male das für das höfische Epos so charakteristische Eingehen auf die seelischen Vorgänge der Liebenden; und die Analyse ihrer innersten Gedanken hat in der Literatur viele Nach- ahmungen hervorgerufen. Doch wollen wir noch nicht von den neuen Motiven handeln, die uns in diesem Roman ent- gegentreten; es wird sich im Laufe der Betrachtung zeigen, welche Entwicklung die höfische Minne bereits genommen hat, und welche Bedeutung dem Eneas unter den übrigen Epen beizumessen ist. Es wird ferner von Interesse sein festzustellen, wie weit der Franzose seine lateinische Quelle, die Aeneis, benutzt hat, und ob nicht noch ein anderer romischer Dichter ihm Gedanken geliehen hat. Als dritter folgt nach der von Paul Mbyeb (Rom. XXIII, S. 16) auf- gestellten und von den meisten angenommenen Chronologie der Trojaroman, dessen Verfasser diesen berühmtesten an- tiken Stoff benutzt hat. Um die Tendenz dieses Romanes kurz anzudeuten und uns damit die Berechtigung zu geben, ihn in eine Betrachtung über das höfische Epos einzuziehen, genügt es zu bemerken, daß Paris als eine der Hauptpersonen keineswegs, im Vergleich zum römischen Original, durch seine Tapferkeit, vielmehr durch seine Liebe zu Helena her- vortritt 6 Wir werden in eine solche Analyse der Minne auch ein- zuschließen haben die Tristanromane des Bäboul und des Thomas; und es wird sich bei der Darstellung ergeben, ob hier die Auffassung der Frauenminne derjenigen in den übrigen Epen gleichzusetzen ist. Ganz in der Art des höfi- schen Romans scheint Gautier von Areas die Liebe als eine hohe und ernste Pflicht aufzufassen und sie nach einer Lehre auszubauen. Mit ihm kommen wir zu seinem großen Zeit- genossen Crestien von Troyes, neben dem er allgemein gering als Vorläufer eingeschätzt zu werden pflegt. Es wird sich zeigen, ob Verschiedenheiten in seiner Anschauung von der Minne gegenüber andern Epikern hervortreten. Nicht minder wichtig zur Charakterisierung der Minne dient die proven- zalische Flamenca, das letzte, große, abschließende Werk des älteren höfischen Epos. Allerdings sprechen „das Vorwiegen nordfranzösischer Ritter und Fürsten in der Erzählung, die Vertrautheit mit nordfranzösischer Litteratur, welche der Dichter bekundet, der völlige Mangel an Zeugnissen proven- zalischer Dichter über Flamenca für eine späte Entstehung". l ) Paul Meyer setzt sie in die Jahre 1234— 35. 2 ) Alle diese Minneromane sind von der provenzalischen Liebeslyrik beeinflußt, nur nicht alle in gleichem Maße. Außer der Flamenca gehören sie alle der zweiten Hälfte des 12. Jahrh. an. Ihre Verfasser sind Zeitgenossen. Den Wert der einzelnen Dichtungen macht nicht ihr äußerer Rahmen aus, nicht der von ihnen behandelte Stoff, sondern die Be- trachtung des inneren Menschen, die Darstellung der Gefühle und Empfindungen, die Weltanschauung und als deren zen- traler Wertbegriff die Minne. W. Foerster neigt zu der Ansicht, Christian von Troyes als den vollkommensten und *) Tobler in Göttinger gelehrt. Anz. 1866, 2. Bd., S. 1769. *) P. Meyer, Born. V, S. 122. 7 originellsten Vertreter des höfischen Minneromans aufzufassen. Wir werden finden, daß er neben vielen neuen Ideen ebenso oft auf seine Vorgänger zurückgeht und sie nachahmt. Chrestien selbst zeigt in seinen Epen eine Entwicklung: der Verfasser des Erec ist ein anderer wie der des Lancelot. Wir dürfen ja nie vergessen, daß wir es mit einer ritterlichen Dichtungsart zu tun haben, in deren Mittelpunkt der aben- teuernde Held steht: ihm galt unwillkürlich das Interesse des Lesers. Ritterlichkeit, das Lebenselement jener Kreise, steht von Anfang an im Vordergrund. Dies wird aus unserem zweiten Kapitel hervorgehen. Neu kommt hinzu die Minne; wem die Minne gewidmet wurde, soll hernach gezeigt werden. Alle Epiker haben sie als vornehmste Betätigung des Ritters aufgenommen, wenn auch nicht alle in demselben Maße. Thebenroman und Lancelot sind beides Minneromane, und doch sind sie im Grunde sehr verschieden: denn in beiden nehmen die Helden eine verschiedene Stellung zur Liebe ein. Dieses Verhalten der Ritter zur Frauenliebe endet schließlich in zweierlei, und damit könnten wir eine große Zweiteilung der höfischen Epen vornehmen : entweder siegt ritterliches Wesen in der Seele des minnenden Ritters, wie im Erec; oder der Ritter geht in der Liebe auf, wie im Lancelot, der Flamenca und dem Tristan. Tristan ist von der Natur mit den höchsten Fähigkeiten ritterlicher Kunst begabt; schön und stark von Gestalt, bleibt er im Kampf mit noch unbezwungenen Gegnern Sieger. Aber in Einem Kampf ist er unterlegen, mit sich selbst und seiner Liebesleidenschaft. Dies ist nicht das Ideal eines höfischen Ritters und nicht reine, edle Liebe; daher schrieb Crestien den Clig&s. Er vollendete nicht den Lancelot und schrieb dafür den Yvain, weil ihm die von der Gräfin Marie v. d. Champagne gegebene Auffassung (sie hatte ihm matiere und sen vorgeschrieben) im Grunde widerstrebte. Zwischen diesen beiden Idealen, Erec und Lancelot, schwankte 8 das Rittertum, wie es wirklich war, hin und her. Und noch eine dritte Idee liegt Crestiens letztem Werk zu Grunde, die religiöse. Sie siegt über Rittertum und Frauenminne. Zwei Anforderungen stellt der Dichter seinem Perceval: ein Streiter Gottes zu werden und ritterlichen Frauendienst zu üben. Im Perceval vermissen wir jene Liebesmonologe, in denen uns sonst das Wesen der Minne so eingehend beschrieben wird. Gott und Herrin sollten Perceval die Urheber seiner Taten werden, dafür sollte er eheliche Minne zum Lohn haben. Woher rührt nun aber die Ursache der verschiedenen Auf- fassung der Minne, wie beispielsweise im Erec und Lancelot? Die Antwort lautet: im höfischen Epos sind zwei Kul- turen zusammengestoßen, die ritterliche des Nordens und die höfisch-frauenhafte des Südens, es hat eine eigentümliche Synthese stattgefunden. In Südfrankreich erscheint uns die von clercs geschaffene Dichtungsgattung der Lyrik; die nordfranzösische Minnelyrik ist unselbständig, wenn wir von den komischen Gedichten Conon de B&thune's absehen. Daneben aber weist Nord- frankreich als eigene Leistung das Heldenepos auf. Dieses letztere wurde unter dem Einfluß der provenzalischen Minne- lyrik, die ihrerseits dem Rittertum ferner stand, durch den ritterlichen Minneroman ersetzt Diese Vereinigung der beiden Kulturen im nordfranzösischen höfischen Epos mußte einen Widerspruch in sich bergen: denn hier war das Verhältnis der Herrin zum Geliebten ein anderes, ein natürlicheres als im Troubadourlied. Aufgabe unserer Arbeit ist zu zeigen, wie in dieser Synthese nord- und südfranzösische Auffassung teils unvermittelt aufeinander stießen, teils zu einem neuen Ganzen verschmolzen worden sind. *) Wir werden uns besonders ') Den Nachweis dieser Entwicklung wird E. Wechssler im 2. Band seines „Kulturproblems" zu bringen suchen. 9 bemühen, jeweils die Herkunft eines wichtigen Motivs fest- zustellen und zu zeigen, ob Süden oder Norden, frauenhafte oder ritterliche Kultur gesiegt haben. Bei dieser Synthese haben überwogen südfrz. Buhlschaft im Lancelot und der Flamenca, nordfrz. Ehe im Erec, Cliges, Yvain und in den Romanen des Gautibb von Arbas; in der Mitte steht als Übergang zu nordfanzösischer Dichtung mit ritterlicher Auf- fassung, aber südfranzösischer Buhlschaft, der Tristan. In einem der folgenden Kapitel wird diese Synthese noch näher zu betrachten sein. II. Der Ritter. Die ritterliche Gesellschaft des Heldenepos war wenig geneigt, sich der stillen Betrachtung des menschlichen Innen- lebens hinzugeben. Ihr Interesse lag auf einem ganz anderen Gebiet: das Streben des Ritters galt der weiten Ferne, wo er sich Ruhm und Ehre im Kampf mit feindlichen Gegnern und Völkern erwerben konnte. Als nun die Entwicklung der politischen Verhältnisse eine friedlichere Zeit mit sich brachte, wandelten sich auch die Anschauungen. Erst dann ist der Mensch in der Lage, sich mit seinem eigenen Ich zu be- schäftigen, wenn er sich gegenüber äußeren Umständen in einiger Ruhe wiegt. Bei allen Völkern und zu allen Zeiten hat der Friede die Entwicklung der Literatur nur begünstigt; die Blütezeiten der Dichtung sind fast stets diejenigen ge- ordneter und friedlicher Verhältnisse im Staate gewesen. Aus diesem Grunde war die Minne erst dann bei den Rittern als wesentlicher Lebensinhalt in Frage gekommen, als ihnen äußere Umstände innere Einkehr gestatteten. Nur so können wir es verstehen, daß von den Dichtern die Minne als ein Produkt der Muße bezeichnet wird. Wenn der Ritter hinauszog, waren seine Gedanken einem andern Ziele zu- gewandt; Erinnerung an die Geliebte ließ er wohl kaum in sich aufkommen, solche Empfindungen würden durch seine 11 Umgebung bald verscheucht worden sein. Er zog aus um des Kampfes willen, er wollte seine innewohnende Kraft be- tätigen. Dem rohen Waffenhandwerk wurde durch die Frau eine höhere Weihe gegeben. Wenn der Kitter der Helden- epen Genuß fand an der Erfüllung seiner ritterlichen Triebe, Freude am Ruhm des Stärkeren, konute nicht sanftes Ge- denken an die Geliebte in ihm wach werden: dazu war sein Gemüt noch zu roh. Er kannte nur die sinnliche Liebe des Augenblicks, nicht die immerwährende, dem Geist des Christen- tums entsprechende Macht, die sich Liebe nennt. Im Eneas ist eine Stelle erwähnt, wo der Liebende hin- auszieht, um seinen Liebesschmerz zu vergessen. Der Dichter fügt die folgende Begründung hinzu: En. 1549—56: Car amors est molt gries chose, quant en leisome et repose; et ki s'en vuelt bien delivrer, il ne deit mie reposer, se Ven s'en vuelt bien esloignier, altre entente Ii a mestier. car quant il entent altre part, se Ii sovient d'amor plus tart. In der Flamenca gibt der Verfasser mit noch deutlicheren Worten dieser Meinung Ausdruck ; zu ihrer Bestätigung führt er den Egistheus an, wie dies gern mittelalterliche Autoren mit klassischen Vorbildern zu tun pflegen: Fl. 1816—21: Ausit ai dir, e sai qu'es vers, Que trop aizes et trop lezers Adus amor mais c'autra res, E qui dopta qu'aissi non es 12 Per Egistheu o pot säber, Quar sei ne saup, so diso, -i ver. In diesem Roman findet sich noch eine zweite Stelle, die über die innere Abhängigkeit von Minne und Muse Aufschluß gibt Bei ihrer Abfassung haben dem Dichter vielleicht die darunter folgenden Verse des Ovid vorgeschwebt: FL 1822—31: Quis toi repaus amor si toi ; Per so tene ben cellui per fol Que vol repausar e jasser E sojornar a som plaser Si d'amor si ctya defendre, Mais qui la vol aucir o pendre 0 tener captiva enclausa Tolla de se aisin 9 e pausa; Proverbis es: qui trop s'azaisa Greu er si per amor nos laiza. Ovid, Rem. am. 139—40: Otia si tollas periere Cupidinis arcus, Contemptaeque jacent et sine luce faces. Die Minne wurde dem Ritter eine neue Lebensaufgabe. Die Dichtung spricht geradezu von einem Stand derjenigen, welche die Minne pflegen, als ob sie eine Gemeinschaft bildeten. Dies geht aus den Eingangsversen des Yvain hervor: Li autre parloient Kantors, Des angoisses et des dolors Et des gram biens qu'an ont sovant Li deciple de son covant Qui lor estoit riches et buens; Yv. 13—17: 13 Wen Amor in seinen Orden (cort, maisniee) aufgenommen hat, der muß alle damit verbundenen Pflichten erfüllen. Im Troja- roman wendet sich Gott Amor an Achilles mit den Worten: Tr. 20726-34: € JVc me veus pas ainsi servir *Qu'o genz response o beatis diz *E o estre toz teus guarniz *De faire mon commandement, *E si guarz bien qu'a tote gent tSeies larges, simples e douz «2? que les miens honors sor toz? *Itel sont eil de ma maisniee: *A ceus ai ma joie otreiee; Es besteht ein großer Unterschied zwischen der Liebes- werbung des höfischen Ritters und der des provenzalischen Sängers, wenn wir bei ihm überhaupt von einer solchen reden dürfen. In der nordfranzösischen ritterlichen Minne handelt es sich um das Streben nach der Liebe der Herrin durch ritterliche Lebensführung. In Verbindung mit den neuen An- schauungen gewinnt jetzt eine ethisch höhere Bedeutung das Kriegsspiel, das Turnierwesen. Kein solch friedliches Waffenspiel findet statt ohne Anteilnahme der Frauen. Sie nehmen auf den höchsten Sitzen Platz, um Augenzeugen dieses Wettstreites zu sein (Perc. 6331—36); FL 787—90: CL 3865—68: Vos qui (FAmor vos feites sage, Qui les costumes et Vusage De sa cort maintenez a foi, ITonques ne fanssastes sa loi; e van sezer Als fenestrals per miels vezer 14 Los cavalliers ques armas porton, Que per lur amor si deporton. Nicht nur mit schönen Worten konnte sich der Kitter das Herz seiner Dame erobern, er mußte auch Proben seiner Tapferkeit abgelegt haben. Neben die cortoisie, als höchster Tugend des provenzalischen Troubadours, tritt im Norden die chevalerie, neben dem höfischen Benehmen Frauen gegenüber bleibt dem Ritter die Tugend, die in seinem Namen aus- gesprochen ist. Der „tapfere" Ritter ist und bleibt das Ideal; nur mit dem Unterschied, daß er seine Kraft nicht mehr in den Dienst eines Herrn, sondern einer Herrin stellt Fragen wir uns recht eigentlich, wer uns näher berührt aus diesen höfischen Romanen, der Held oder die Heldin, so werden wir gestehen müssen, daß unser Interesse während des größten Teils der Erzählung beim Helden weilt Wir reden von einem Eneas, Erec, Cliges, Yvain etc., und nicht von Dido, Enide, Fenke etc. Ein untüchtiger Ritter verfällt dem Spott, ihn kann der Dichter nicht zum Gegenstand seiner Dar- stellung wählen: denn er ist nicht der Minne würdig. Amour und valeur sind zwei unzertrennliche Begriffe, ritterliches Wesen ist die Vorbedingung für Minne: Perc. 6228—46: Et celle dist que ä nul jor S'amor ne Ii otrieroit Tant que il Chevaliers seroit; Cil qui moult voloit esploitier Se fist lues faire chevalier, Puis si revint ä sa proiere. *Ne pot estre en nule maniere, tFait la puciele, par ma foi, tTant que vous aies devant moi 15 *Tant d* armes faxt et tant jouste *Que m'amors vos ara couste; cPrendäs I tornoi k mon pfere, cSe vous vol6s m'amor avoir; «Que je voel sans doute savoir «Se m'amors seroit bien assise, «Se jou en vos Tavoie mise.» cCar vos est tarn pros e tan rics «E tan cortes e tan valens «Que tota domna en totz sens tVos den onrar et acullir «E segre per vostre desir. Im Trojaroman ermahnt Amor den Achilles mit den Worten: Tr. 20763—64: c Tu perz ton pris e ta valor *E si perz famie e famor. Häufig schenkte die Geliebte ihrem in den Kampf ziehenden Ritter ein Stück von ihrem Kleid, das ihn begleiten und Zeugnis von seiner Tapferkeit ablegen sollte. Oft war dieses Liebeszeichen ein Ärmel, den der lütter an seinen Schild oder seine Lanze band. 1 ) Damit bekundete die Dame ein besonderes Interesse für den betreffenden Ritter; in Flamenca (860) wird der Ärmel als ein seinal de drudaria bezeichnet Desgleichen im Erec und im Perceval: >) Tr. 15102; Tristan (Michel) II, 99 ; Er. 2136— 39; Cl. 4629-39; Lanc. 5595-5631; Perc. 6264-68; Fl. 7708. FL 2952—56: Er. 2140—41: Et tant guinple et tante manche, Qui par amor furent donees. 16 Perc 13594—96: Par druerie Ii donna Sa manche Sun eher siglaton Dont il a fet un gonfanon; Wie wir hören, vermochte ein solches Liebespfand zu be- sonderer Tapferkeit anzuspornen: der Gedanke an die Spen- derin erkühnte den Ritter, die unerhörtesten Proben seiner Tüchtigkeit abzulegen. Der Ritter verbreitete den Ruhm seiner Herrin durch sein tapferes Verhalten im Turnier oder der Schlacht; der Dichter tat es durch seine Lieder. Durch den Sänger, den die Fürstin am Hofe hielt, verschaffte sie sich Bildung, mit deren Hilfe sie geistig hoch über dem männlichen Geschlecht stehen sollte; durch die Taten des Ritters gewann sie Ruhm. Die Art und Weise ihres Dienens war verschieden. Der provenzalische Troubadour wollte durch seine Lieder die Huld der geliebten Herrin ge- winnen; in den höfischen Romanen wirbt der Ritter um die Liebe der Dame durch sein tapferes Verhalten. Dies ist jener der ritterlichen Minne eigene Zug, daß nur durch valor der Ritter seiner Geliebten gefallen kann. Dieses ritterliche Element zieht sich durch alle höfischen Romane hindurch. Wohl beschleicht eine leise Furcht die Geliebte, wenn ihr Ritter in den Kampf gegen einen gleichwertigen oder nach dem Bericht der Dichter meist stärkeren Gegner zieht, aber dieses Gefühl wird leicht verdrängt vom Gedanken an seine Ehre. Eine so denkende amie ist eine wahre und echte; Cl. 3792—93: Mit welch innerer Anteilnahme die Damen bei den Turnieren zuschauen, geht aus der folgenden Stelle des Erec hervor: De deus pars Ii est buene amie; Car sa mort crient et s'enor viaut. 17 Er. 891—94: Chascuns voit la soe plorer, A Deu ses mains tandre et orer Qu'il doint Venor de la bataille Celui qui por Ii se travaille. Dem Ritter selbst gibt der Anblick der Geliebten neue Kraft; Tapferkeit und Liebe machen ihn kühn und kampfbereit. Diese Wirkung der Liebe hat keiner in so kurzen und zu- gleich vielsagenden Versen gepriesen wie der unbekannte Verfasser des Eneas: En. 9061—66: Amors molt fait ome hardi; Amors molt tost Va enaspri. Amors, molt dones vasalages! Amors, molt faiz creistre barnages! Amors, molt es de grant efforzl Amors, molt es reides et forz! Dieser spezifisch ritterliche Zug der Wechselwirkung von Minne und Tüchtigkeit begegnet uns nur in den höfischen Epen, und verdient als wichtiges Charakte- ristikum hervorgehoben zu werden. Die Zahl der ein- schlägigen Stellen ist groß, wir werden aus den einzelnen Dichtungen typische Beispiele anführen: En. 8759—62: Se de m'amor est a seür, molt Ven trovera eil plus dur, molt en prendra grant har dement, s'il sot onkes d y amor neient. En. 9340—42: *mais se il a de m'amor soing, 2 18 €ci me verra a la fenestre, tmolt en devra plus hardiz estre.* tnolt en sui plus et fore et fiers, molt m'en combatrai volentiers; quant de s'amor m'a faxt le don, molt me metrai en abandon o de la mort o de la vie; hardemant me done m'amie. Eine etwas sinnfällige Bemerkung über die Kraft, die Minne verleiht, findet sich: En. 9057—60: Se Turnus la vuelt desraisnier molt le cuit forment chalengier, molt Ii cuit rendre grant estor; quatre mains m'a don6 amor. Welche Wirkung dem Ärmel der Geliebten beigemessen wird, geht hervor aus En. 9329—32: *Molt ai», faxt ele } «eü mal sens, ne sui mie de buen porpens, quant mes amis nen a ma manche; il en ferist molt mielz de lance. Ire Ii done hardemant, Et Vamors qu'a sa fame avoit. Proesce et amors qui Vanlace Le fet hardi et conbatant. En. 9051—56: Er. 4862—63: Gl. 3804—5: 19 Lancelot ist so sehr von der Liebe zur Königin Ganievre befangen, daß er um ihretwillen vor keinem Kampf zu- rückschreckt; ja sogar vor Meleagant fürchtet er sich nicht, Lanc. 3737—46: Et force et hardemanz Ii croist, Qu'amors Ii fet mout grant aie Et ce que ü n'avoit hate Bien nule tant come celui Qui se combat ancontre lui. Amors et hatne morteus, Si granz qu'ains ne fu ancor teus, Le font si fier et corageus Que de neant nel tient a jeus Meleaganz; Zuvor muß der Liebende beweisen, daß er ein wahrer Ritter ist, dessen die Dame sich nicht zu schämen braucht; sonst kann sie ihn nicht in ihren Dienst aufnehmen. Andebas gibt die Begründung dafür auf S. 246, wo er davon redet, quüms modis amor minuatur: Deminutionem quoque patitur amor, si perpendat mulier, quod amator timidus exsistat in hello. Im Eracle will Athenais ihrem Geliebten die Hand reichen, weil er der beste Ritter sei: Eracle 3651—53: Ou face folie ou savoir, Si vueil je qu'il soit mes amis, Car c'est Ii mieudre del pais. In der Flamenca wird der Ritter aufgefordert, im Turnier zuvor seine Tüchtigkeit zu beweisen: 2* 20 Fl. 6789—91: «E, per so, amics, non vueill plus *Que vos estes satns reclus; tAnas vos en, ques eu o vueil; Per so vueil tengas vostra via Et en vostra terra tornes, Et al tornei sa tornares; Auf einen tapferen, im Turnier erprobten Geliebten ist die Dame stolz; daher die Freude, wenn er siegreich aus einem Kampf hervorgeht: Perc 6407—15: Et dist: € Barnes, vees tnervelles, Ains ne veistes ses parelles, V6es le mellor baceler Dont onques oissi& canter, Ne k'ainc v6i'ssi6s de vos ex, Qu'il est plus biaus et si fet miex Que tuit eil ki sont au tornoi.» Flamenca s f es dese vanada Que sa marga sera donada A cel que prumiers jostara E cavallier derocara. Zu all seinen kühnen Taten treibt den Ritter das Verlangen, sich der Dame würdig zu zeigen; wie er in ihr das Ideal weiblicher Tugend erblickt, will er um ihretwillen das Ideal FL 6784—86: S'en a si grant joie s f amie Qu'ele ne s'en puet tenir wie Fl. 7715—18: 21 ritterlicher Tugend erringen. Die höfischen Epiker sind sichtlich bestrebt, ihren Helden als vollkommenstes Muster der Tapferkeit und courtoisie den Damen gegenüber hinzustellen. „Neben der proeza wurde am Manne nun die cortezia am höchsten geschätzt. Neben der kriegerisch -ritterlichen Welt- anschauung verschaffte sich die höfisch -frauenhafte auch bei den Männern Geltung und Anerkennung." ! ) *) Wechssler S. 72. in. Die Herrin. Die höfische Minne der südfranzösischen Sänger galt vorzugsweise verheirateten Frauen und mußte als auf- richtige Liebe frei und darum eine außereheliche sein: denn die Beweise der Gunst einer Gattin zu ihrem Ehemann wurden nach dem geltenden Recht als Pflicht angesehen. Die spirituelle Denkweise des Christentums hatte den Grund- satz geprägt, daß Liebe und Ehe zusammen gehören. „Im Gegensatz dazu war es der Grundgedanke des Minnesangs, daß die Frau über ihre Liebe freie Entscheidung haben sollte. Dieser vornehmste Grundsatz aller, auch der epischen Minne- poesie, lief dem Wesen der Ehe gerade entgegen; und wir dürfen annehmen, daß er in bewußter, absichtlicher Tendenz besonders gegen die damalige Ehe so energisch heraus- gearbeitet worden ist" (Wechssleb S. 208). Minne zu edlen Frauen galt als vornehmste Aufgabe des Ritters. Aber nur einer solchen Dame konnte er seine Ritterdienste widmen, die ihm nicht ehelich angetraut war; es mußte eine andere sein, die womöglich über ihm stand. Trotz alle- dem war die Meinung für eine strenge Ehe. Derjenige konnte sich auf eine schlimme Bestrafung gefaßt machen, welcher die Heiligkeit der Ehe anzutasten wagte. Der Ritter durfte seine Verehrung nur einer über ihm stehenden oder 23 mindestens ebenbürtigen Dame widmen. Einem niederen Lie- benden brauchte die Herrin den Dienst nicht zu versagen, vielmehr war dadurch eine Gewähr gegeben, daß die Rein- heit des Verhältnisses gewahrt blieb. 1. Der Ehemann sollte seiner Gattin gegen- über nicht eifersüchtig sein, zwischen Ehegatten mußte Eifersucht ausgeschlossen bleiben. Der Kaplan Andbeas sagt S. 146: Pura namque zelotypia applicata marito ex ipsius subiecti vitio maculatur et desinit esse quod erat Satis igitur constat, evidenter esse probatum, zelotypiam inter coniugatos naturalem sibi locum vindicare non posse; und S. 143: Quis enim rede possit invidiam zelotypiam commendare vel suo ipsam sermone tueri, quum zelotypia nil sit aliud quam turpis et sinistra de muliere suspicio? Im allgemeinen ist in den höfi- schen Epen von diesem Thema nur gelegentlich die Bede, bei Gautier im Eracle und in der Flamenca. Diese beiden Dichtungen wenden sich mit großer Entschiedenheit gegen die Eifersucht der Ehegatten. Eracle 4601—3: Ne set qu'il fait qui ferne gaite f Car folie est de soi grever En gou qu'om ne puet achever. Eracle ermahnt Kaiser Lais, Flamenca nicht in einen Turm einzusperren: dadurch werde er ihr nur Veranlassung zum Ehebruch geben: Eracle 5000—5: Ele ert et chaste et pure et monde, Et ert Ii mieudre riens del monde Quant Ii mesistes en prison; Si feststes grant mesprison; Que je vous dis tout en oiant. Que vous le perderiez par tant; 24 In der Flamenca (3236 ff.) wird der Dame empfohlen, sich von ihrem eifersüchtigen Gatten wegzuwenden und einem anderen Liebhaber ihr Herz zu schenken; denn: Fl. 1332: Und wenig für Minne geeignet sind Herz und Gemüt eines Eifersüchtigen, wie er uns im Gatten der Flamenca ge- schildert ist: FL 1115—19: A si tneseis fortmen s'irais, Titas los pels, pelas lo cais, Manjas la boca, las dens litna, Fremis e frezis, art e rima, E fax trop mals oils a Flamenca. Ebenso wie gegen die eifersüchtigen Gatten wenden sich die Dichter gegen die mit ihnen verbündeten Aufpasser. E. Wech88leb beschäftigt sich in seinem Buche mit den lauzengiers und kommt dann S. 201 zu folgender Definition : „Also dürfte unter einem lausengier, als einem Mann, der die lauzenja übt, im allgemeinen ein liebedienerischer Höfling zu verstehen sein. Person und Sache mögen in dem damaligen regen Hofleben ihre dauernde Stätte gehabt haben, und die Dichter, wenn sie sich dagegen ereifern, haben gewiß auch sehr reale Erscheinungen im Auge gehabt" In solchem Lichte Qui est gelos non est ben sans. FL 1320—21: Lo cor el cors el sen Ii tolc La gelosia que Vafolla; FL 1038-39: Deforas art, dedins acora. Ben es gelos qui aisi bela. 25 erscheinen auch die Merker, über die der Dichter der Flamenca lebhafte Klage führt. Sie werden als böse und falsche Men- schen geschildert. Wenn diese von den Dichtern stets ver- dammt werden, so ist dies gewissermaßen eine andere Art, ihre freie Ansicht über die Ehe zu verteidigen. Fl. 6309—12: Ja mais nos rancure nis doilla Per amor negus cavalliers, Ni laisse per folz lauzengiers Que non sia cortes e pros, Et, quant luecs er, ben amoros t Alis nom poc mais escoutar, Ans dis: *Domna, trop alongiers *Esveilla falses lausengiers; Durch die Aufpasser erreichten die Ehegatten aber nur, daß die Damen in ihrer Liebe bestärkt wurden. Dies beweisen die folgenden Verse der Flamenca: FL 1279—84: *Ans, qui castia ni repren *Fol cor, adoncas plus Vespren; *E, non ten pro forsa ni tors *A cor, pos lo destrein amors, *Que non fassa, o tost o tart, *Sa volontat; quis vol lo gart! ^Contra lauzengier maldizen €Domna deu penre ardimen; €Lai(s) sei cridar, fassa son be, *Qu'en aisil vencera desse. FL 7656—60: FL 5000-2: 26 2. Wohl aber soll zwischen Liebenden Eifer- sucht bestehen. Dafür tritt auch Andreas auf S. 147 seines Traktats ein: Ergo zelotypia inter antantes ipsos non datnnatur, denn sine zelotypia verum amorem non posse con- sistere. Eifersucht trägt vielmehr dazu bei, wahre Liebe zu erhöhen nach Regula XXI: Ex vera zelotypia affectus Semper crescit amandl Dazu vgl.: Se sor tute rien Ii n 9 amast f De nul autre ne se dotast: Por 50 en est en suspegon Que il n'aimme riens se Ii non. S'il envers autre amors eiist, De ceste amor jalus ne fust; Mes por ce en est il jalus Que de Ii perdre est poürus. Die Minne bezieht sich auf verheiratete Frauen: das geht auch aus der Tatsache hervor, daß nicht Jungfrauen den Gegenstand der Minnedichtung bilden. Sie wurden zu- meist in der Abgeschiedenheit des Klosters erzogen und kamen für das gesellschaftliche Leben zunächst nicht in Be- tracht Deutlich tritt uns diese Ansicht aus einer Stelle der Flatnenca entgegen, wo Frauen und Jungfrauen auf dem Hofe versammelt sind; ganz gegen unser Erwarten widmen die Ritter nur den ersteren ihre Aufmerksamkeit: Fl. 7370—72; Car jes cavallier ab donzellas En cor(t) non parlon ni solasson, Si troban domnas que lur plasson. In dieser Beziehung sind die Anschauungen von Nord- und Sudfrankreich dieselben. Auch insofern, als im Norden eine Tristan (Th.) S. 317: 27 Dame nur einem solchen Ritter ihre Liebe schenken sollte, der unbedingt in gleichem Rang mit ihr stand. Andbeas Capellanus stellt in seinem Buche auf S. 55 den Satz auf, daß eine Adlige erst dann einem niedriger Geborenen ihre Gunst zuwenden soll, wenn sie keinen Standesgenossen ge- funden hat: Si in superioribus quis dignior vel aeque dignus reperiatur ordinibus, ille potius est in amore quaerendus; si vero nullus in eis inveniatur ordinibus, non est abiiciendus plebeius. Und gleichsam als Begründung dafür bemerkt er S. 114: Praeter ea maioris altitudinis homo fetninam ordinis inferioris fideliter non solet amare; sed, si amet, cito eins fastidit amorem et ipsam pro levi causa contemnit Schon im Thebenroman tritt uns diese Auffassung entgegen: v. 3889-92: Bien ne coveita tant com lui, Mout fussent bien joste il dui y Car il dui sont bien d'un eage, Im Wilh. v. England überlegt die Königin lange, ob sie den Grafen heiraten soll oder nicht, es heißt von ihr in v. 1119—22: Derselben Anschauung begegnen wir in der Flamenca, wo der Dichter der Heldin folgende Worte als Antwort auf die Liebeswerbung Guülems in den Mund legt: Fl. 5922—27: T?une beaute et d'un parage. La dame vers terre s'ancline, Manbra Ii qu'ele fu reine: Or seroit fame a un baron, Trop avroit avillie son non; *Bel segner, ben sai et entent « Que vos est rix homs d'aut parage, 28 «JE conosc o al vassallaje «Car esser voles mos amix: « Quar si non fosses pros e rix *Ja de mi non agras pensat.* Vgl. ferner die ausführliche Darlegung bei E. Wechssleb S. 208 ff.: Gatte und Gattin sind dem Minnesang unpoetische Elemente, mit der Ehe war für ihn jede tiefere Empfindung ausgeschlossen. Neben Andreas Capellanus feiert auch Matfbe Ebmengatj die Liebe ohne Ehe, nur tadelt er jede sinnliche Regung: seine Auffassung könnte eine asketische genannt werden. Sie alle vertreten diejenige Leidenschaft, bei der eine Heirat auf jeden Fall ausgeschlossen ist, und dürften hier in letzter Linie mit Ovid übereinstimmen; wenigstens dürfte ihre Anschauung von Ovid „nachhaltig beeinflußt" sein. Ovid sagt gleich im Anfang seines Lehr- buchs der Minne: Ars 1,31—34: Este procul, vittae tenues, insigne pudoris Quaeque tegis medios instita longa pedes y Nos venerem tutam concessaque furta canemus Inque meo nullum carmine crimen erit Ovid sieht in der ehelichen Liebe keine wahre und echte Zuneigung; er hält sie geradezu für unmöglich, da dem Liebenden der begehrte Genuß von der Gattin stets bereit- willigst gewährt werde: Ars m, 585— 86: Hoc est, uxores quod non patiatur amari: Conveniunt Mas, cum voluere, viri; Alle aus Pflicht geschenkte Liebe ist ihm freudlos: Digitized by 29 Ars 11,685—88: Odi, quae praebet, quia sit praebere necesse, Siccaque de lana cogitat ipsa sua; Quae datur officio, non est mihi grata voluptas: Officium faciat nulla puella mihi! Daher könne es die eigene Fran auch nicht verlangen, daß der Mann ihr allein seine Liebe schenke: Ars 11,387—88: Nec mea vos uni damnat censura puellae; Di melius! Vix hoc nupta tenere potest. Und wie Ovid dem Manne freie Verfügung über seine Liebe geben will, so übt er auch weitgehendste Nachsicht gegen- über den Frauen. Den Nebenbuhler soll der Gatte mit Ge- duld ertragen. Darin sieht Ovid göttliche Weisheit: denn nur so sind die folgenden Verse zu verstehen: Ars 11,539—42: Rivalem patienter habe; victoria tecum Stabit; eris magni victor in arte Jovis. Haec tibi non hominem, sed quercus crede Pelasgas Dicere! nil istis ars mea maius habet In dem Punkte, daß Ovid neben einer zu Recht bestehenden Ehe den illegitimen Verkehr zwischen Mann und Frau in den Vordergrund rückt, stimmt er nach G. Pabis (Rom. XII, S. 520) mit den Troubadours überein. Wir gehen wohl nicht fehl, wenn wir behaupten, daß bei den nordfranzösischen Epikern der römische Dichter bereitwilligere Aufnahme ge- funden hat als bei den Troubadours des Südens: denn die Anschauung in Ovids Werken, die wir eben mit einigen Zitaten zu charakterisieren versuchten, entsprach genau dem Milieu und den Lebensbedingungen des Ritterstandes, soweit wir 30 dies aus den höfischen Epen als unserer Hauptquelle zu lesen vermögen. Die Dichtung der Nordfranzosen hat Ovid, wie aus unserer Arbeit hervorgehen dürfte, in weit höherem Maße in ihre Werke verarbeitet wie die Troubadours, weil ihre sozialen Umstände eher mit Ovids Ideen vereinbar waren. Wie der Troubadour nicht in ehebrecherischer, sondern in freier Liebe zu seiner Herrin stand, so ist auch das Ver- hältnis des nordfranzösischen Ritters zu seiner amie als freie Liebe aufzufassen. Daß es sich um eine außereheliche Ge- liebte handelt, geht schon aus dem viel gebrauchten Ausdruck amie hervor. Sie begleitet den Ritter auf seinen Abenteuer- fahrten und teilt Freud und Leid mit ihm; eine siegreiche Tat ihres Geliebten gereicht ihr zur Ehre, seine Niederlage zur Schande: denn sie wird zumeist vergewaltigt, und ihr Leib wird Eigentum des Siegers. Sie empfindet wie eine an- getraute Gattin, der Dichter läßt sie dieselben Zeichen des Schmerzes tun wie jene. A. Schultz sagt: „Der Stand der amie ist auch geradezu gesetzlich anerkannt, sie genoß alle mögliche Ehre, begleitete ihren Freund auf Turniere, und ich habe nie gefunden, daß sie von anderen Frauen etwa geringschätzig behandelt würde." (Bd. I, S. 599.) Aller- dings dürfen wir nicht außer Acht lassen, daß solche Ansicht nur auf die Dichtung gestützt ist, es spricht sich darin die Meinung der Dichter aus; geschichtlich ist die amie nur bei den Kelten. Daß das Verhältnis zwischen ami und amie kein rein oberflächliches war, geht aus der Eifersucht hervor, welche die Geliebte des Mabonagrein im Erec dahin getrieben hatte, ihrem Geliebten das Gelübde abzunehmen, nie den cort d'amor zu verlassen, wenn ihn nicht ein anderer Ritter be- siegen sollte. Für die hohe Bedeutung des Begriffs ami prechen die folgenden Stellen: 31 Eracle 4110—13: Qui amis a mont en vaut plus; Par amis vient om al dessus. En hon ami a hon tresor; Bons amis vaut sen pesant d'or; Im Cliges überlegt Soredamors nach der ersten Bekanntschaft mit Mixandre lange hin und her, wie sie ihn anreden soll, mit seinem Namen oder mit ami; sie ruft schließlich aus: Dasselbe besagen die folgenden Verse der Flamenca, die zu- gleich die freie Auffassung des Dichters von der Minne be- zeugen: FL 4559—60: *Quar mout val mais d'amic parlar « Que de marit que fait plorar. Die Liebe des Sängers war „Fiktion", sie mußte un- erwidert bleiben. Daraus erklärt sich jene Zurückhaltung und Achtung vor der Herrin, ihre Verehrung und Verherr- lichung. Diese eben erwähnten Züge, welche bei den Trouba- dours zuerst aufkamen, wurden schließlich Gemeinplätze und sanken zum Ausdruck flüchtiger Schmeichelei herab. Dieses feine Benehmen haben die Nordfranzosen von den Provenzalen übernommen; obwohl die cortessia ihrer bisherigen Art wider- sprach, haben sie sich doch ernstlich bemüht, diese Kultur sich zu eigen zu machen. Allerdings trennten nicht mehr soziale Unterschiede den Bitter von der Herrin, er brauchte nicht mehr wie der Sänger aus „räumlicher Ferne" schmach- tend nach der Geliebten zu schauen, er konnte sich bei höfi- Cl. 1396-97: Deus! ja'st la parole si bele Et tant douce d'ami nomer. 32 sehen Festen und Turnieren offen um die Gunst der An- gebeteten bewerben; er durfte der Herrin nicht nur Lob, sondern auch Liebe entgegenbringen. Die Formen des höfi- schen Frauendienstes, wie sie bei den Troubadours zu solcher Blüte ausgebildet worden waren, wurden dem ritterlichen Liebeswerber nur noch ein Mittel zum Zweck. Durch das Kulturelement der Galanterie, das den Provenzalen verdankt wurde, ist das rauhe Rittertum verfeinert und vergeistigt worden. G. Pabis sagt in seiner „Po&ie du moyen äge", S. 24: On a singulterement exag6r6 les vertus et les graces de cette soci6t6 chevaleresque; mais cependant eile a beaueoup fait pour notre Sducation, et c'est en d6veloppant ses traditions que la France, sa vraie patrie, est devenue et restöe la nation la plus sociable et la plus polie de TEurope. Oft führt es zu einem komischen Kontrast, wenn junge Ritter, die bis dahin nur Schwert und Turnierlanze zu führen gelernt hatten, mit einem Male, von der Minne belehrt, fein gebildete höfische Worte entsenden, die nur aus dem Munde eines gelehrten Troubadours verständlich sind. Hier bleibt es nicht bei einem Sehnen, bei der Sprache mit den Augen, es kommt auch der Augenblick, wo der Liebe ihr Recht ge- geben wird. E. Wechssleb sagt auf S. 211, daß für die Ritter- schaft der Frauendienst nur noch „eine Maske war: denn sie konnten ihren Werbungen mit ganz andern Mitteln Gehör verschaffen als der arme Dichter von Beruf. Sinn und Zweck ihrer Lieder war allerdings nicht der Ruhm und die Ehre der Herrin, sondern im letzten Grunde das Gegenteil, wes- halb die Berufsdichter oft auf die mächtigen Herren schalten, durch deren Beteiligung edler Frauendienst zu Grunde gehe". Der höfische Ritter warb um Liebe und nicht um Gunst; dem Sänger kam es darauf an, durch Liebesschmeichelei die Milde der Herrin zu erregen. Während hier die soziale 33 Stellung der Dame es unmöglich machte, dem meist armen Dichter mehr als Gunst zu erweisen, mag dort oftmals die Grenze des Erlaubten überschritten worden sein. Wie weit dabei Dichtung und Realität auseinandergehen, ist eine Frage, die schwer zu entscheiden sein dürfte. Dem Bitterstand mögen die von den Troubadours übernommenen Ausdrucksmittel viel- fach nur Form gewesen sein, hinter der sich eine reale Ab- sicht verbarg. Wenn die Sänger über eine solche Minne Klage führen, so wollen sie zugleich ihren durch die Ritter verdrängten Liebesdienst wieder erneuern. Tadel über den Verfall wahrer Frauenliebe finden sich zuerst bei Gautier von Abras, Die 3915—28: Chevalier gabent mais d'amors Et tornent tout a jouglerie; Ce fu peruec cevalerie Par amors primes maintenue Et avöee et retenue, Et furent par amor espris D'aquerre honor et los et pris. Ce fu Vocoisons primer aine: Mais or est si que gens vilaine Ont amors tote refusee, Si voi mais gent acostumee De faire honte et vilonie; Qu'estainte ont par lor felonie. Amors gabent et les amans; 3 IV. Die Synthese von ritterlicher Liebe und frauenhaft- höfischer Minne. Im folgenden wollen wir versuchen, die im ersten Kapitel bereits angedeutete Synthese näher zu beleuchten. Die Auf- fassung der Minne bei den südfranzösischen Troubadours konnte nicht unverändert von den Rittern übernommen werden; es fehlte hier die soziale Begründung für eine solche An- schauung. Das Verhältnis des Ritters zur Geliebten war ein natürliches, nicht gesellschaftliche Unterschiede trennten beide voneinander; im Gegensatz dazu könnte man die im Minne- lied geschilderten Beziehungen des Sängers zur geliebten Herrin als unnatürlich bezeichnen. Auch im höfischen Epos ließ eine Dame ihren Ritter schmachten, indem sie mit ihren Gunstbeweisen sparte. Wenn sie sich dann endlich herabließ, den durch langes Warten ungeduldig werdenden Liebenden durch ein Zeichen ihrer Huld zu neuem Dienst zu ermuntern, so genügte dieser Lohn schwerlich den wirklichen Wünschen des Ritters. Aber es hätte als Vermessenheit gegolten, hätte der Ritter von der Herrin irgendwelchen Lohn zu verlangen gewagt. Wenn sie ihm einen solchen gewährte, mußte er dies als einen Akt ihrer Gnade auffassen. Daher zeigten sich diese Ritter auch schon über die geringsten Beweise 35 ihrer Gunst erfreut. In der Nähe der verehrten Herrin zu verweilen, erfüllte sie mit Freude. Ihr Anblick und noch vielmehr ihr Gruß machte sie überglücklich. Jeder Anbeter mußte in gewissem Sinne seine Bitte um Liebe erhört glauben, würdigte ihn die Geliebte nur des Blicks, der allen Mit- gliedern der Hofgesellschaft zuteil wurde. Er konnte nicht hoffen, sein ungestümes Begehren befriedigt zu sehen: denn es war eine Pflicht der Dame, eine gewisse Sprödigkeit zu zeigen, die nicht als Koketterie aufzufassen war, sondern als die von der höfischen Sitte bedingte Zurückhaltung. Das übliche Geschenk war ein anhängbarer Ärmel, den der Ritter an seinem Helm oder Schild befestigte. Die höchste Gunst aber der Dame einem dienenden Ritter gegenüber war ein Kuß, den er allerdings erst nach langem Dienste und in den seltensten Fällen zu fordern wagte. Solcher Lohn mochte dem nieder geborenen südfran- zösischen Sänger genügen. Denn seine Liebe war im Grunde „poetische Fiktion" und seine Hoffnung leerer Wahn, da er nur in der Idee eine geliebte Herrin besang, deren Un- erreichbarkeit er sich wohl bewußt war, „in ihm schätzte die Herrin vielleicht den Dichter, nur selten den Menschen". Die kühle Dankeserweisung der Herrin im Minnelied dem Sänger gegenüber ist begreiflich. Befremdend wird ein solches Verhalten im Minneepos, da, wo der dienende Held ein ebenbürtiger Ritter von vornehmem Geschlecht ist. Wenn im höfischen Epos ein Ritter von jenen Gunstbezeugungen der Dame nicht nur befriedigt, sondern sogar entzückt ist, muß uns dies mit Recht verwundern, denn es paßte nicht in den Lebenskreis. Doch klärt sich unser Erstaunen auf, wenn wir bedenken, daß nur ein Teil der Ritterschaft sich damit begnügte, nämlich allein in der südfranzösischen Dichtung. Lancelot und Flamenca sind die einzigen Romane, in denen anfangs dieser geistige 36 Minnesold den Ritter befriedigen muß. Wir gehen nicht fehl in der Annahme, daß provenzalische Liebesauffassung von idealisierenden Dichtern in die nordfranzösische Ritter- schaft Übernommen worden ist. Den übrigen in unserer Be- trachtung herangezogenen Epen liegt eine solche Anschauung fern; in ihnen ist das erstrebte Endziel aller Wünsche das Ausleben heißen Verlangens. Lancelot und Flamenca verraten unzweideutig Zeichen des provenzalischen Minne- lieds, hier glauben wir fast einen provenzalischen Sänger zu hören. In der Flamenca begegnen uns zwei Stellen, wo der Liebende über das bloße Sehen der Geliebten überglücklich ist; sein einziger Wunsch ist, sie sprechen oder sehen zu können. Er bekommt sie nur selten zu Gesicht, daher wächst seine Liebe immer mehr: denn amor imprimis dicitur augmentari, si rarus et difficilis inter amantes visus interveniat et oculorum aspectus. (Andreas S. 242.) Fl. 3126—29: *Mais s'ieu pogues ab vos parlar, € 0 sius pogues veser soen, *D'aisso non dissera nient, *Car del veser o del solate *Mi tengra per pagatz assate. E. Wechssleb sagt in seinem Buche auf S. 229: „Der er- sehnte Minnesold blieb in der Wirklichkeit des Dienstes dem Sänger meist für immer versagt. Nur im nächtlichen Traum, Ab los oilz la baisa e tocha E Vesdreisa tro al pertus. Anc non hac mais tan bon dilus GuillemSy segon lo sien vejaire. Fl. 2824—28: 37 in der einsamen Kammer, durfte er die Geliebte halsen, triuten, umbevähen. Solche Freiheit mußte viele in ihrem Liebeswahn trösten." Dasselbe besagen die folgenden Worte bei Andreas S. 82: Quando vero vos non possum corporali visu aspicere nec super vos constitutum aerem deprehendere, . . nullo possum gaudere solatio, nisi quantum falsa mihi demonstratio™ dormienti somni sopor adducit Solche Be- friedigung des Liebenden scheint auch in den folgenden Versen der Flamenea vorzuliegen: FL 2800—3: A cest mot adormitz si fo E ges los oils non hac ben claus C Amors lo mes en hon repaus, Car, dorment, si donz Ii monstret. FL 1601—2: cDe neguna ren non ai fam dir, *Qua(i)s que digon ques ellas son «Castas e puras per dir non. *Mal aia domna qu'esconditz *De bocca so ques ab cor ditz! Flamenca will nicht eine von den Damen sein, die ihrem Ritter nicht die Gunst gewähren, die er im Herzen ersehnt; 48 denn sie kann den ergebenen Dienst des Ritters kaum zur Hälfte belohnen: PL 6225—31: «Mais sapchas ben, bellas donzellas, « Que ja non vueil esser d'aquellas y «Ans vos die ben non tri es veja(i)re « Qu'ieu puesca tan de plazer faire «Ni dir a mon bei cavallier «Queil rendra neis so meg loguier «De Vafan ques a per mi trag. Eine undankbare Herrin wird stolz und hochmütig genannt: FL 6235—37: «Fadeta es et erquillosa «Domna ques fai carestiosa «De son amic mais cor y a. Allerdings darf die Dame auch nicht zu höfisch sein; hat sie dem Liebenden eine Gunst gewährt, so darf dieser nicht er- warten, daß sie ihm dieselbe anbiete: FL 6252—54: Mais si luecs et aises o dona, Prenga de lui seguramen So qu'il noil dona nil defen; Wenn ein Ritter einer Geliebten wegen sterben wolle, solle sie ihm ihre Hand reichen: FL 6266—67: Certas, hom la deuria pendre Coma luiron per miei lo coli; FL 6241—42: Quar mot es paucs le bens quel fai Quant al mal que sos amix trai; 49 Die Dame ladet sonst eine schwere Schuld auf sich, ihre Schönheit gereicht ihr zum Unglück, denn sie läßt sie ohne Gnade sein; aber Schönheit vergeht und Gnade nicht FL 6269—74: «Maldiga Dieus aital follesa, tPlena (Tergueill e de malesa! *Mala vi dona sa beutat « Quan merce pert e pietat t2? conoissenza e mesura, *Car beutatz faill e merces dura. Zunächst könnte es befremden, wenn im folgenden gesagt wird, daß offenbar Ovid von diesen erotischen Dichtern be- nutzt worden ist. Es wäre vielleicht einzuwenden, daß ein Liebesdichter im besonderen aus dem Erlebnis heraus schaffe und schaffen müsse, das er an sich selbst und seiner Um- gebung beobachtet habe. Aber demgegenüber ist daran zu erinnern, daß gerade die Kunst, Liebesgefühle zu schildern und ausführlich zu beschreiben, verhältnismäßig spät auf- gekommen und offenbar nichts Leichtes und Selbstverständ- liches ist. Die ältere Liebeslyrik aller Völker pflegt das individuell geistige Erlebnis eines Liebenden zunächst indirekt an einer sinnlich faßbaren, klar bestimmten, äußeren Situation zu entwickeln oder auch nur anzudeuten, vgl. etwa die Eürenberglieder oder die altfranzösischen und provenzalischen Maitanzlieder. Von solch altertümlicher Lyrik, die mehr mit indirekten Mitteln arbeitet, ist überall ein weiter Schritt zur subjektivistischen Vertiefung des Dichters in eine individuelle A. Psychologie. 1. Entstehung der Minne. 50 Seele, die er von der sichtbaren Außenwelt mehr oder weniger isoliert. Diesen entscheidenden Schritt haben zuerst die Trou- badours und bald darauf nach ihrem Muster die höfischen Epiker getan. Sie folgten dabei, wie E. Wkchssleb gezeigt hat, der entschieden geistigen Richtung ihrer Zeitgenossen auf das Innenleben des Individuums. Die christlichen Mystiker waren durch ihr Betonen der Individualität in diesem Punkte bahnbrechend gewesen. Als nun das höfische Publikum zu- erst an südfranzösischen, dann an einigen nordfranzösischen Höfen das Bedürfnis nach einer ähnlich subjektivistischen Lyrik und Epik empfand, da bot sich den Dichtern dieser Kreise als willkommener Führer, als duca e maestro, das längst hochgeschätzte Stilmuster Ovid. Der Dichter der ars atnandi und der Metamorphosen wurde den Troubadours und Troveors eine Autorität für Sache und Form, ähnlich wie dem ungleich größeren Dante sein Vergil. Dieser in die Augen springenden Parallele möge jeder sich erinnern, der etwa meint, durch das Zugeständnis der Einwirkungen Ovids würden die provenzalischen und französischen Vorgänger Dantes zu sklavischen Abschreibern erniedrigt, wie der Rezensent der Arbeit von W. Schböttbb, Ovid und die Trou- badours, im Litt. f. germ. u. rom. Phil. 1909, Heft 2, sagt: „Diese geistvollen, neuerungssüchtigen, höchst originellen Provenzalen verwandeln sich kraft solcher Quellenforschung zu dummen, stumpfen, erfindungs- und empfindungslosen Holz- köpfen." Es hieße die Art und Weise gerade des mittel- alterlichen, formal stark gebundenen Denkens und Schaffens verkennen, wollte man künftig noch leugnen, daß die Trou- badours und Troveors ihrem anerkannten Meister Ovid in der sentenziösen Ausarbeitung ihrer Beobachtungen und Mei- nungen ebenso treu gefolgt sind, wie auch die selbständigsten Lehrer und Philosophen der mittelalterlichen Kirche sich stets auf die heilige Schrift und die Kirchenväter gestützt 51 haben. Wie die provenzalischen Sänger werden auch die höfischen Epiker nicht müde, vom Zittern und Erbleichen beim Anblick zweier Liebenden zu reden. Diese stereotypen Schilderungen, die geradezu bis zum Übermaß wiederkehren, erklären sich nur dadurch, daß wir eine gemeinsame Quelle annehmen. W. Schrötteb hat in seinem Buche nachgewiesen, daß in der psychologischen Beschreibung die Provenzalen un- zweifelhaft dem Vorbild Ovids gefolgt sind, worüber ihm K Vossleb eine unverdiente Ablehnung und Zurechtweisung hat zu teil werden lassen. Auch die Schöpfer der epischen Erotik haben Ovid gekannt und seine Lehren, soweit an- gängig, in ihre Werke verarbeitet. Wir werden noch nach- weisen, daß der Eneas ganz mit Ovidischen Ideen durch- setzt ist, eine Tatsache, die kaum bestritten werden kann. Es unterliegt auch keinem Zweifel, daß Gautier von Areas Ovid gekannt und benutzt hat Die Tristanromane lassen deutlich Ovidische Lehren erkennen, wie aus dem folgenden ersichtlich sein wird. Crestien hat selbst die Commandemanz cTOvide bearbeitet, wie aus den Eingangsversen des Cliges hervorgeht. Wir werden gerade bezüglich des eben genannten Epos Ovidische Einwirkungen beobachten können, denn im Clig&s ist mehr als in allen anderen Romanen Crestiens der psychologischen Beschreibung ein großer Raum gewidmet. Daß der Verfasser der Flamenca dem römischen Dichter manche Formulierung verdankt, geht aus einer von uns noch zu zitierenden Stelle hervor, wo er sich ausdrücklich und mit Grund auf die Autorität Ovids beruft; aber auch ohne dieses authentische Zeugnis dürfte dies unsere Arbeit zeigen. Man könnte fragen, ob es überhaupt nötig wäre, in diesem Punkte den Troubadours und höfischen Epikern Vor- bilder zu suchen, da sie doch in vieler Beziehung er- finderische Köpfe waren, Entdecker des inneren Lebens und Wesens des Menschen. Diese Fähigkeit wollen wir ihnen 52 durchaus nicht absprechen, nur wäre es dann unverständlich, daß sie alle so wenig individuell in fast ein und den- selben Ausdrücken dieselben Gedanken wiedergegeben hätten. Eine so geistlose, mechanische Aufzählung von Symptomen der Minne im äußeren Benehmen des Menschen, die der Eneas so gut kennt wie der Cliges und die Flatnenca, sind kaum in Einklang zu bringen mit der reichen Phantasie und der individuellen Betrachtungsweise der höfischen Epiker und Troubadours. Ihnen allen wäre diese Betrachtung nicht ge- meinsam, hätten sie nicht dieselbe Quelle, nämlich Ovid, be- nutzt; dabei ist es gleichgültig, ob sie ihn selbst gelesen hatten oder aus älteren Dichtungen kannten. Wir werden unter dem Abschnitt „Wertung der Minne" noch davon reden, daß die Troubadours und nach ihrem Vorbild die höfischen Epiker das Wesen der Minne zu erkennen und zu ergründen suchten, indem sie zu deren Voraussetzung ein edles Herz machten. Doch verfielen nebenbei alle wieder in den Fehler, die seelischen Vorgänge als selbständige Vermögen aufzufassen und so die Einheit des geistigen Ich zu zerstören: eine Methode, die noch bis auf Christian Wolff in Geltung blieb. Auch dem höfischen Epos ist neben der neuen Erklärung vom Wesen der Minne die alte, psychologische nicht fremd. Der Mensch verhält sich empfindungslos, erst von außen wird Leben in ihn gebracht. Diese Deutung vom Ursprung der Frauenliebe haben die Nordfranzosen mechanisch von den Provenzalen übernommen, tiefe Beobachtung ist hier ebensowenig zu finden wie in der südfranzösischen Lyrik. Daher dürfte dieses Kapitel kaum etwas Neues bringen, vielmehr nur eine Be- stätigung für bereits Bekanntes sein. Selbst die Ausdrucks- weise bewegt sich in konventionellen Phrasen, die den Cha- rakter der Allgemeinheit tragen. „Minne entsteht aus Sehen und Gefallen." Der Anblick der Geliebten läßt im Herzen Liebe entstehen. Diese materialistische Auffassung 53 geht auf Demokrit und Aristoteles zurück, über deren Theorie E. Wbchsslbb in seinem Buche auf S. 381 näheren Aufschluß gibt. Die Liebe wird erregt durch die Schönheit der Ge- liebten: denn äußere Anmut war das Abbild eines tugend- haften Herzens. Nach Augustin war Schönheit des Körpers ein Geschenk Gottes: Pukhritudo corporis est donum Bei. 1 ) Dasselbe sagt Ovid in seiner Ars m, 103: Forma dei munus. Die Schönen haben seine Belehrung nicht nötig, denn sie verschaffen sich schon durch ihren Liebreiz die Gunst der Männer: Ars m, 257-58: Formosae non artis opem praeceptaque quaerunt: Est Ulis sua dos, forma sine arte potens. Derselbe Gedanke liegt dem folgenden Ausspruch des Kaplans Andreas zu Grunde, S. 14: Formae venustas modico labore sibi quaerit amorem 9 maxime si amorem simplicis requirit amantis. Hierfür ließe sich aus den Dichtungen eine große Zahl von Belegen anführen, wir wollen nur einige wiedergeben: Tr. 17563—68: La resplendor qu'ist de sa face Li met el cors freidor e glace. Sis nes, sa boche e sis mentons Le resprenent de teus arsons, Dont ardra mais dedenz son cors: Pinciez sera d' Amors e mors. l ) De ciyitate Dei, üb. XV; vgL Lüderitz S. 92. 54 Tristan (Th.) S. 272, 275: Pur h nun e pur la belte, Que Tristans en Ii ad trove, Chiet en desir e en voleir Que la meschine nolt aveir. Er. 3289—91: Tant Vesgarda com il plus pot, Tant Vancovi et tant Ii plot Que sa biautez d'amors Vesprist. Et neporquant la dameisele Estoit tant avenanz et bele, Que bien deüst cTarnors aprandre, Se Ii pleäst a ce antandre. Aber nicht allein Schönheit des Körpers, sondern auch des Geistes und ein edles Herz erwecken Liebe. Im Wilh. v. England liebt der Graf die Königin, Por ce que preu la vit et sage. (v. 1087.) Denselben Gedanken in geradezu meisterhafter Schilderung enthalten die folgenden Verse der Flamenca: Fl. 2805-15: E preguet Ii: *Sius plas, merce « Aias, donna, sius plas y de mc. «Vostra lausor fin'e veraja € Que luz per tot lo mon e raja, « Vostre pres e vostra valors, «Vostri beutatz, vostri ricors, «Vostre sens y vostra cortesia, iVostre solaz, vostri paria Cl. 451—54: 55 *E totz bens c'otn de vos au dir •M'an fag a vos aici venir *Per esser vostre, s'a vos platz. Wenn Minne durch Sehen entsteht, kann der Blinde nicht lieben; so lehrt Andbeas auf S. 12: Caecitas impedit amorem, quia caecus videre non potest, unde suus animus immoderatum susäpere cogitationem, ergo in eo amor non potest oriri, sicut plenarie supra constat esse probatum. Dann aber fährt er fort: Sed hoc verum esse in amore acquirendo profiteor; nam amorem ante eaecitatem hominis acquisitum non nego in caeco posse durare. Sonst hätte er sich in einen Widerspruch mit dem auf S. 287 angeführten Urteilsspruch der Gräfin Marie von der Champagne verwickelt, welcher lautet: Omni honore mulier censetur indigna, quae ob deformationem solito belli contingentem eventu, et quae solet viriliter evenire bellantibus, coamantem suo iudicavit privandum amantem. ! ) Auf diesem Satz ist ein wichtiger Abschnitt von Ille et Galeron auf- gebaut. Ille wird im Turnier verwundet und verliert ein Auge. Er achtet sich der Liebe von Galeron nicht mehr würdig und will entfliehen. Sie aber entgegnet ihm: Ille 4284—91: Dont rii a pas raison par coi On puist prover que mendre soit Ilamors del euer, qui estre i doit, Ainz i est or Vamors trovee Et mix esquise et mix provee. Je n'aim pas ta mesaventure, Mais toi sor toute creature Et ferai tant con fai a vivre. Der Gedanke, daß durch einen Kuß im Herzen des *) Vgl. auch W. Foerster, EinL zu Hie et Galeron, S. XXIX, 56 Bitters Minne erregt wird, findet sich hauptsächlich bei den nordfranzösischen Troubadours: En. 812— 14: de son grant duel ne s'aperceit, o le baisier tel rage prent d'atnor que le euer Ii esprent. Er. 2095-97: Apres le inessage des iauz Vient la doueors, qui mout vaut miaut, Des beisiers qui amor atraient. Perc. 3812—15: Car ä cascun mot le baisot Si doucement et si souef Que eile Ii metoit la clef D'amor en la serre del euer. Die Vorstellung, die Liebe trete durchs Auge ins Herz des Menschen, kehrt bei den höfischen Epikern häufig wieder, und stets in derselben Fassung wie bei den Trouba- dours. Die große Beliebtheit dieser Erklärung geht aus der großen Menge der Belegstellen hervor: En. 9098 — 99: ier m'esguardastes de tel oil que tot le euer m'en tresperga. Tristan (Th.) S. 259: jeux et entretiens font souvent naitre un tendre aecord et changent les coeurs des hommes. Er. 2091—94: Li oel d'esgarder se refont, eil qui d'amors la voie font 57 Et lor message au euer anvoient; Que mout lor plest quanque ü voient. Die Augen werden im Cliges der Spiegel des Herzens genannt, woraus auch die Vorstellung abgeleitet sein mag, daß sich im Blick das Herz widerspiegelt. Durch die Augen sieht das Herz genau die Vorgänge, die sich in der Außen- welt abspielen: Li iauz n'a soing de rien antandre Ne rien rii puet feire a nul fuer, Mes c'est Ii mireors au euer, Et par cest mireor trespasse, Si qu'il ne le blesce ne quasse, Li feus don Ii cuers est espris. Ce meismes sachiez des iauz Con del voirre et de la lanterne, Car es iauz se fiert la luiserne, Ou Ii cuers se remire, et voit L'uevre de fors, queus qu'ele soit, Si voit maintes oevres diverses, Les unes verz, les autres perses, L'une vermoille, Vautre bloe, Si blasme Vune et Vautre loe, L'une tient vil et Vautre chiere. Crestien hat diese Vorstellung im Yvain wiederholt, es heißt dort: Yv. 2017—20: „An cest voloir m'a mes cuers mis." „Et qui le euer, biaus douz amis?" a. 710—15: Cl. 732—41: 58 Dame, mi oel" — „Et les iauz qui?" } La grant Hautest que an vos vi" E. Wech88leb redet in seinem Buche auf S. 384 auch von der Schädlichkeit der Augen, auf welche die Sänger häufig schalten, da sie ihnen eine aussichtslose Liebe eingegeben hätten. Dieser Gedanke findet sich auch in Crestiens Cliges, wo die Augen des Verrats angeklagt werden: Die Augen sind ein Mittel, zwei Liebende von den Gedanken ihres Herzens zu benachrichtigen, solange sie noch nicht offen über ihre gegenseitige Zuneigung reden dürfen. Die Art und Weise, wie die höfischen Epiker diese Vorstellung ausdrücken, erinnert an Ovid: Ars 1,573—74: Atque oculos oculis spectare fatentibus ignem: Saepe tacens vocem verbaque vultus habet Vergleiche dazu Tristan (Th.) S. 258: quand ses regards tombaient sur eile, Von pouvait voir dans ses yeiix Vemoi de son coeur. Der Gedanke von der Vermittlung der Herzensmeinung durch die Augen wird bestätigt, wenn wir im Eracle von den „ Augen des Herzens" lesen: Eracle 4725—26: GL 474—77: Ses iauz de trätson ancuse Et dit: „Oel! vos m'avez träte! Par vos m'a mes cuers anhdie, Qui me soloit estre de foL Les ieuz del euer qui est el cors Tout Ii douleurs, et si empire. 59 Wenn sich die Blicke zweier Liebenden begegnen, verfallen diese beiden auf demselben Gedanken: Eracle 3514—15: La dame esgarde, et eile lui; En un pense chieent andui. Am meisten ist dieser Gedanke im Cliges ausgesponnen: Cl. 3832—34: Et neporquant des iauz ancuse Li uns a Vautre son pariser, S'il s'an seüssent apanser. CL 3835: Des iauz parolent par esgart. Cl. 506-7: Mes iauz a nule rien n'esgarde, S'au euer ne plest et atalante. Cl. 2800—2: Mes Cliges par amor conduit Vers Ii ses iauz covertemant. Ein nicht minder häufig auftretendes Motiv ist das Ver- weilen des Herzens bei der Geliebten. A.Lüdehitz sagt S. 100: Das Motiv des Herztausches erhält sich, solange Minne- lieder gedichtet werden, und findet durch Hartmann, dem eine Stelle aus Crestiens Yvain (v. 2642) als Vorbild gedient haben kann, Eingang in das Epos. Dieses Motiv scheint den da- maligen Zuhörern besonders gefallen zu haben, denn es tritt in fast allen höfischen Epen auf. Bereits der Eneasroman weist einen Beleg auf: Digitized by 60 En. 9948—51: Ja m'a Amors pris a son aim ; ü m'aescha de la pucele; puis que primes vi la donsele, ne poi mon euer de Ii oster. Eracle 3557—59: Trestout sen euer et sen courage A eil ailleurs qu'a Vestrument; Si harpe il mout bien nequedent. Hie 1778-79: Bele, se vos n'aves mon cors, Mes cuers est vostres nuit et jor. Die eingehendste Behandlung dieses Motivs zeigt wiederum der Cliges: vgl. besonders den Dialog zwischen Fenice und Clig&s. Auf die Frage, ob er in England geliebt habe, er- widert Cligfcs: GL 5180—85: Aussi come escorce sans fust Fu mes cors sanz euer an Bretaingne. Puis que je parti d'Alemaingne, Ne soi que mes cuers se devint, Mes que ga aprös vos s'an vint. Qa fu mes cuers et la mes cors. Gl. 5204—5: An moi n'a rien fors que l'escorce, Que sanz euer vif et sanz euer sui. Der ganze Dialog schließt mit folgender Erklärung der beiden Liebenden : 61 Cl. 5230-34: „Dame, done sont ci avuec nos Andui Ii euer, si con vos dites; Que Ii miens est vostre toz quites" „Amis, et vos ravez h mien, Si nos antravenomes bien. Ferner noch CL 2817—21: Ses iauz et son euer i a mis Et eil Ii ra le suen promis. Promis? Mes done quitemant. Done? Non a, par foi, je mant, Car nos son euer doner ne puet. Der Liebende läßt beim Verlassen sein Herz bei der Geliebten zurück. Als Fenice nach Konstantinopel gekommen ist und dort in großer Pracht leben soll, bleibt sie doch traurig: denn ihr Herz weilt bei Clig&s und kann sich nicht von dessen Herzen trennen: a 4346—50: Mes ses cuers et ses esperiz Est a Öliges, quel part qu'il tort, Ne ja ne quiert qu'a Ii retort Ses cuers, se eil ne Ii rapporte, Qui muert del mal, don il l'a morte. Et se Ii miens prist conpaignie Au suen, ne ja n'an partira, Ja sanz le mien Ii suens n 9 ira; Car Ii miens le siut an anblee: Tel conpaignie ont assanblee. Lancelot verfolgt die Königin Ganievre mit den Augen, bis 4490—94: 62 sie zur Tür hinausgetreten ist; als er sie nun nicht mehr sehen kann, sagt der Dichter, sein Herz folge ihr: Lanc. 3987—98: Ainz est (la reine!) an une chanbre antree. Et Lancelot jusqu'ä V antree Des iauz et del euer la convoie, Mes as iauz fu corte la voie, Que trop estoit la chanbre pres; Et il fussent antre apres Mout volantiers s'il po'ist estre. Li cuers qui plus est sire et mestre Et de plus grant pooir assez S'an est outre apres Ii passez Et Ii oel sont remes defors Piain de lermes avuec le cors. Lanc 4709—10: Ses cuers ades cele pari tire Ou la reine se remaint Lanc. 4715: IA cors s'an vet, Ii cuers rejorne. Fast durchweg findet sich die sinnfällige Vorstellung, daß der Ritter das Herz der Geliebten forttrage, und umgekehrt. Im Grunde ist dies nur eine Modifikation des vorher er- wähnten Gedankens. Die erste Belegstelle findet sich im Eneasroman: En. 8350 — 54: Mon euer en porte, il le m'a de mon sein enble . . . Molt folement Vas donc guarde . . . Mes cuers avuec le suen s y en vait, desoz Vaissele le m'a trait. GS Hie 3447: Illes le euer Ganor en porte. nie 3460—61: 2Fa point de euer, tote en est vide; Illes, Ii her, Ven porte o lux, IUe 5207—9: Qou qui me piaist de moi s'eslonge Fors que del euer qui me tesmoigne Qu'il est od Ii, quel part k'il aille. Yvain entfernt sich zwar von der Geliebten, aber sein Herz bleibt bei ihr: Yv. 2639-46: Mes sire Yvains mout a anviz S'est de la dame departus Et si que Ii cuers ne s'an muet Li rois le cors mener an puet, Car del euer n'an manra il point, Qui si se tient et si se joint Au euer celi qui se remaint, Qu'il n'a pooir que il Van maint. FL 286—87: En Archimbautz sab ben a cui Laissa son cor que ges non porta. FL 2530—32: Guillem(s) la ma nuda miret, E fol vejair que{l] toques Lo cor et am si Ven portes. Hieran reiht sich der Gedanke von den zwei Herzen, die in einem Körper vereinigt sind. Die Dichter dachten 64 dabei keineswegs an eine materielle Vereinigung, sie wollten nur sagen, daß beide von ein und demselben Verlangen be- seelt waren. G. Paris bemerkt im „Journal des Savants" 1902, S. 440, Anm.: Signaions ici une digression extremement subtile sur l'erreur de ceux ((fest sans doute une allusion ä un passage (Fun poete anterieur) qui disent que des amants se donnent leurs coeurs; les coeurs ne peuvent se reunir materiellement, mais ils sont d'accord comme des chanteurs qui chantent ä Vunisson et non en parties, conme on paratt l'avoir compris, et semblent riavoir qu'une voix, et dont cepen- dant chacun garde son existence distincte. Dazu wäre folgen- des Beispiel aus dem Tristan (Th.) S. 175 zu vergleichen: Tristan aimait Isolt cCamour immuable. Elle, pareüle- ment. Iis menaient leur vie en meme guise, courtoise et avenante, et leur amour etait de teile force qu'ils ne semblaient avoir qu'un coeur, une äme: tant que plusieurs le remarquerent, et il en fut parle; OL 2294—96: aparceüe m'an sui bien As contenances de chascun 9 Que de deus cuers avez fet un. Cl. 6342—46: Ne ja plus ne m'an demandez: Mes n'est chose, que Ii uns vuelle, Que Ii autre ne s'i acuelle. Einsi est lor voloirs communs, Con s'il dui ne fussent que uns. Crestien versucht selbst für diese ihm komisch vorkommende Vereinigung der Herzen eine Erklärung, die uns zwar etwas lächerlich anmutet, aber dennoch so meisterhaft 65 veranschaulicht ist, daß wir ihr einen gewissen Reiz nicht abzusprechen vermögen: Cl. 2829—40: Mes se vos i plest a antandre, Bien vos savroie reison randre, Comant dui euer a un se tienent Sanz ce qu'ansanble ne parvienent. Seul de tant se tienent a un Que la volantez de chascun De Vun an Vautre se trespasse, Si vuelent une chose a masse, Et por tant qu'une chose vuelent I a de teus qui dire suelent Que chascuns a les cuers andeus; Mes uns cuers n'est pas an deus leus. Daß auch der Verfasser der Flamenca dieses Motiv gekannt hat, davon zeugen die folgenden Verse: FL 2076—81: •Mais amors se cais elemens « Simples e purs, clars e luzens, *E fai soen de dos cors u, *Quar si met egal en cascu: *Us es dedins e dui defors, •Et ab un cor lia dos cors. •Mais per obra pot ben parer •Anca (ras) miete, per far saber •Conssi uns cors amdos nos lia; •Mos amix es et eu s'amia, • Que no i a si ni retenguda. Fl. 6199—203: 5 66 Die altfranzösischen Dichter stellten sich nach dem Vor- bild der Antike den Liebesgott mit Pfeilen in der Hand vor; derjenige, welcher von diesen getroffen wird, sieht in seinem Herzen Minne entstehen. Diese Vorstellung stammt aus Ovid. „Zum Zeichen seiner Macht ist er (Amor) aus- gerüstet mit arcus, pharetra, sagitta, faces. Mit dem Pfeil durchbohrt, mit der Fackel versengt er die Liebenden." (Schrötter S. 80.) Die tela Cupidinis (Ars 261) dringen durch die Augen ins Herz. Mit dieser Auffassung glaubte man dem Wesen der Minne nahe zu kommen. Im Eneas ist Gott Amor mit zwei Pfeilen gedacht; der eine von ihnen hat eine goldene Spitze, er ist liebeerregend; der andere eine solche von Blei, durch ihn wird die Liebe verscheucht. In der linken Hand hält der Liebesgott eine Büchse mit Salbe, mit der die geschlagenen Wunden geheilt werden. Eine so aus- führliche Schilderung vom Aussehen des Gottes Amor kennt nur der Eneasroman: Guarde el tenple comfaitement Amors i est peinz folement et tient deus darz en sa main destre et un boiste en la senestre: Ii uns des darz est d'or en som, hi faxt amer } Valtre de plom, ki faxt amer diversement. Navre et point Amors sovent y et si est peinz toz par figure por demostrer bien sa nature: Ii darz mostre qu'il puet navrer et la boiste qu'il set saner. Eine merkwürdige Parallele findet sich bei Ovid, wo es heißt: En. 7975—86: 67 Metam. I, 468—69: Eque sagittifera prompsit duo tela pkaretra Diversorum operum ; fugat hoc, facit illud amorem. Die auffallende Übereinstimmung, die sich sonst nicht in dem Maße findet, gibt wiederum der schon mehrfach an- gedeuteten Vermutung Raum, daß die leitenden Ideen und Gesichtspunkte des Eneas nicht Vergil, sondern Ovid entnommen sind. Ersterer hat nur den Stoff für diese Dichtung gegeben; es ist sozusagen Ovid auf Vergil aufgepfropft worden. Von den zweierlei Pfeilen ist nur im Eneas in genauer Anlehnung an Ovid die Rede, später wird von einem solchen Unterschied nicht mehr gesprochen. Über die verschiedene Wirkung der beiden Pfeile belehren uns noch die folgenden Verse: En. 8159—62: II me navra en un esguart, en Voil me feri de son dart, de celui d'or, hi faxt amer; tot le me fist el euer coler. En. 8168—70: Amors Va point, ce cuit y 'del dart Jci est de plom et faxt hair; dont m'estuet il a duel morir. En. 8953—55: Tu m'as de ton dart d'or navre, mal m'a Ii bries enpoisone qu'entor la saiete trovai. Schrötter bemerkt auf S. 81, daß man sich Amor im ältesten Minnesang auch mit Fackeln vorgestellt habe, die das Herz der Liebenden in Flammen setzen. Seine Behauptung, daß 5* Digitized by 68 dieses Bild in der späteren Literatur verschwunden sei, finde ich für das höfische Epos mit Ausnahme der Flamenca und des Lancelot bestätigt. In der Unterredung zwischen Lavinia und ihrer Mutter, im Eneasroman, die uns schon manchen Aufschluß über Minnefragen gegeben hat, werden auch die Pfeile Amors erwähnt, denen man nicht entrinnen könne. Lavinia hält es für unnütz, sich zum Schutz gegen die Liebespfeile mit Schlössern und Türmen zu versehen: denn unter dem Himmel gibt es nach ihrer Meinung keine noch so feste Burg, die dem Angriff Amors widerstehen könnte: En. 8639—41: Parmi set murs traireit son dart et naverreit de Valtre part: Ven ne se puet de lui guarder. Daß auch Gautier diese Vorstellung bewahrt hat, geht her- vor aus Ille 5611: Außer im Cliges findet sich das Bild von den Liebespfeilen verhältnismäßig selten verbreitet, dort aber hat Crestien eine lange Reihe von Versen diesem Gegenstand gewidmet Wir hätten hier nur zu wiederholen, was wir schon an anderer En. 8065—67: por lui Va molt Amors navree; la saiete Ii est colee des i qu'el euer soz la mumele. En. 8057—58: Amors Va de son dart ferne; ainz qu'el se fust cViluec meüe, Amours le point, amours le touche. 69 Stelle bezüglich dieses Epos betont haben, nämlich, daß der psychologischen Beschreibung hier mehr als in allen übrigen Werken des champagnischen Dichters Rechnung getragen ist. Wir brauchen dabei nicht anzunehmen, daß Crestien diese Er- fahrung bei Ovid gesammelt hat; wahrscheinlicher ist viel- mehr, daß er sie indirekt aus dem Eneas und anderen früheren Epen kannte. Es ist wohl kein reiner Zufall, wenn Crestien gerade in diesem Roman mit solcher Vorliebe die psycho- logische Auffassung darlegt. In seinen späteren Werken ist eine so ausführliche Behandlung dieses Themas nicht mehr zu finden. Mit dem Cligcs, wenn wir vom Eree als einem Heldenepos absehen, vollbrachte der Dichter sein Erstlings- werk auf dem Gebiete der höfischen Epik ; hier war er noch ganz befangen in den Ideen der provenzalischen Lyrik. Der Tristanstoff wurde mit den überlieferten Mitteln, vor allem Ovid, verarbeitet zum Cliges; daneben hat allerdings auch die neue Auffassung die gebührende Achtung gefunden. Offenbar sind die Zuhörer mit lebhaftem Interesse diesen Ausführungen gefolgt, sonst hätte der Dichter an dieser Be- schreibung nicht solches Gefallen gefunden, das er dadurch kundgibt, daß er jene über eine lange Reihe von Versen aus- dehnt. Cl. 460—62: Bien a Amors droit assene, Qu'el euer Va de son dart ferne; Sovant palist, sovant tressue. CL 692—94: Nenil; qu'il rria navre si fort Que jusqu'au euer m'a son dart tret, N'ancor ne Va a lui retret. 70 CL 792—96: C'est Ii darz qui me fet amer. Deus, con tres precieus avoir! Qui tel tresor porroit avoir, Por quoi avroit tote sa vie De nule autre richesce anvie? In den folgenden Zitaten ist davon die Rede, wie die Pfeile Amors ins Herz gelangen. Die Antwort auf diese Frage lautet: durch die Augen. Während sie im Herzen eine schwere Wunde zurücklassen, bleibt das Auge un- verletzt. Von dieser Liebeswunde werden wir im nächsten Abschnitt handeln. CL 700-1: An Vuel ne tn'a il rien greve, Mes au euer me grieve formant. CL 703—4: Li darz est parmi Vuel passet, Qu'il n'an est bleciez ne quassez. Yv. 1367—69: . . . par les iauz el euer le fiert, Et eist cos a plus grant duree Que cos de lance ne d'espee. Auch im Lancelot und der Flamenca ist die alte Vorstellung aus Ovid beibehalten. Dort findet sich auch das Bild, daß Amor das Herz der Menschen entzünde, vielleicht eine An- lehnung an die veraltete Vorstellung Amors mit Fackeln: Lanc. 3766—73: Et totes voies s'arestoit Devant la reine sa dorne, Qui Ii a mise el cors la flame, Digitized by 71 Por qu'il la va si regardant; Et cele flame si ardant Vers Meleagant le feisoit, Que par tot la ou Ii pleisoit Le pooit mener et chacier. *E vos, quem fa(it)z y domna Merces? *Ja soles vos venir a point; *Non vezes donc consi m'a point € Amors, e ferit de son dart *Que tot lo cor mi crem'e m'art? In der Flamenca findet sich auch der von Schbötteb er- wähnte Weg der Liebespfeile durchs Ohr, anstatt durch das Auge: FL 2709—12: *Eu cug que fos entoissegaU; « Per doas parte mi sen nofratz, « Car per Vaurella e per Vuil *Id pres lo colp don tan mi duil. Der Pfeil des Liebesgottes bleibt nach den folgenden Versen im Herzen stecken: Fl. 2715—16: «Per on que toc, al cor s'en va *Sos cairels, et aqui rema. Das Vorkommen gewisser Motive allein im Lancelot und der Flamenca beweist uns wieder, daß diese beiden Epen eng zusammengehören, daß beide im Geiste provenzalischer Minne- lyrik geschrieben sind. Fl. 2704—8. Lebenslauf. Ich, Karl Heyl,. preußischer Staatsangehörigkeit, evan- gelischer Konfession, wurde am 3. April 1887 zu Frankfurt a.M. als Sohn des Lokomotivführers Albert Heyl geboren. Nach vierjähriger Vorbildung auf einer Elementarschule trat ich Ostern 1897 in das Wöhler- Realgymnasium meiner Vater- stadt ein, das ich Ostern 1906 mit dem Zeugnis der Reife verließ. Um mich dem Studium der neueren Sprachen zu widmen, besuchte ich zunächst die Universität Bonn, wo ich drei Semester verweilte. Hierauf verbrachte ich zwei Semester an der Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften in Frankfurt a. M. Im Herbst 1908 wurde ich in Marburg im- matrikuliert Ich bestand dort am 13. Juli 1910 das Examen rigorosum, am 24. und 25. Februar 1911 das Staatsexamen. Ostern 1911 trat ich in das pädagogische Seminar an der Klinger -Oberrealschule zu Frankfurt a. M. ein. Von meinen akademischen Lehrern nenne ich in dank- barer Gesinnung folgende Herren Dozenten und Lektoren: Beacock, Bülbring, P. Clemen, Curtis, Elster, Erdmann, Foerster, Funaioli, Gaufinez, Heraeus, Litzmann, Marbe, Mirbt, Morf, Natorp, Ott, Panzer, Price, Scharff, Schwarz, Trautmann, Viötor, Wechssler, Wilmajins. Zu besonderem Dank bin ich Herrn Prof. Dr. Wechssler verpflichtet, der mir die Anregung zu dieser Arbeit gab und mich bei der Ausführung mit seinem Rat unterstützte. Digitized by Google Digitized by Google